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Forum Zusammenarbeit neu gestalten – das Demokratie-Narrativ

Foto: LNBE

Rund 60 Teilnehmende aus Zivilgesellschaft, Verwaltung, Politik und Wissenschaft kamen am 8. Juni 2026 zum Forum „Zusammenarbeit neu gestalten – das Demokratie-Narrativ“ zusammen, um unterschiedliche Perspektiven auf Engagement zu diskutieren und gemeinsam nach neuen Wegen der Zusammenarbeit zu suchen.

Im ersten Teil des Forums stand eine wissenschaftliche Einordnung im Mittelpunkt: Prof. Dr. Silke van Dyk vom Institut für Soziologie der Universität Jena gab mit ihrem Vortrag wichtige Impulse für die anschließenden Diskussionen im zweiten Teil.

Teil 1

Vortrag – Prof. Dr. Silke van Dyk

Weder soziale Ressource noch Kitt der Gesellschaft: Über Engagement, Eigensinn und radikale Demokratie

Prof. Dr. Silke van Dyk warf in ihrem Vortrag einen kritischen Blick auf die wachsende Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass gesellschaftliche Krisen – vom demografischen Wandel über den Fachkräftemangel bis hin zu finanziellen Engpässen der öffentlichen Hand – zunehmend dazu führen, dass Aufgaben von Staat und professionellen Strukturen auf engagierte Bürger:innen übertragen werden.

Silke van Dyk beschreibt diese Entwicklung als „Community-Kapitalismus“. Gemeint ist eine Verschiebung gesellschaftlicher Verantwortung: Soziale Probleme werden verstärkt durch freiwilliges Engagement, Nachbarschaftshilfe oder Initiativen aufgefangen, während soziale Rechte zunehmend durch freiwillige Leistungen ersetzt werden. Engagement wird dabei häufig als selbstverständlich, sinnstiftend und alternativlos dargestellt – wodurch die Gefahr entsteht, dass unbezahlte Arbeit romantisiert und strukturelle Probleme unsichtbar gemacht werden.

Diskutiert wurde außerdem, wie sich dadurch die Rolle der Zivilgesellschaft verändert. Statt als Ort demokratischer Mitgestaltung und politischen Protests wird sie zunehmend als Ressource zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen verstanden. Diese „Verzivilgesellschaftlichung der sozialen Frage“ kann dazu führen, dass Engagement vor allem bestehende Versorgungslücken schließt, anstatt politische Veränderungen einzufordern.

Silke van Dyk plädiert deshalb für einen differenzierten Blick auf Engagement: Freiwilliger Einsatz bleibt unverzichtbar und wertvoll – darf aber nicht dazu führen, dass sich Staat und Politik dauerhaft aus ihrer Verantwortung zurückziehen. Engagement sollte nicht nur gesellschaftliche Defizite ausgleichen, sondern auch Raum für Kritik, Mitgestaltung und demokratische Aushandlung schaffen.

Teil 2

Vier Perspektiven auf die Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung

Auf Grundlage dieser Impulse diskutierten die Teilnehmenden anschließend in vier Arbeitsgruppen zentrale Fragen rund um Engagement, Demokratie und Zusammenarbeit.

Arbeitsgruppe 1

Beteiligung – was gehört in die Governance, was muss dem Eigensinn der Zivilgesellschaft überlassen bleiben?

Eine zentrale Erkenntnis aus der Diskussion war: Der Begriff „Beteiligung“ greift möglicherweise zu kurz. Häufig entstehen Initiativen nicht dadurch, dass Menschen zu Beteiligungsprozessen eingeladen werden, sondern weil sie selbst aktiv werden und Probleme in ihrem Umfeld wahrnehmen und lösen.

Dabei wurde die Bedeutung von Selbstorganisation und Eigensinn hervorgehoben: Engagierte Menschen müssen selbst bestimmen können, wofür sie sich einsetzen und wo sie Grenzen ziehen. Gleichzeitig gilt es zu unterscheiden zwischen organisiertem Engagement und informeller Sorge-Arbeit in Nachbarschaften.

Deutlich wurde auch: Beteiligungsverfahren sind häufig stark formalisiert. Wenn Bürger:innen zwar beteiligt werden, aber unklar bleibt, was mit ihren Anliegen passiert, entsteht Frustration. Beteiligung ist nicht automatisch Umsetzung, sondern Transparenz über Entscheidungswege und echte Dialogräume sind entscheidend.

Ein wichtiger Graubereich liegt in der Frage, wer ein Problem definiert: Entsteht eine Initiative aus der Zivilgesellschaft heraus oder wird ein Beteiligungsprozess durch Verwaltung oder Politik angestoßen? Als zentrale Aufgabe wurde deshalb formuliert: Politik und Verwaltung sollten nicht Engagement steuern, sondern den Rahmen schaffen, in denen es entstehen und wirken kann. Dafür braucht es eine ermöglichende Verwaltung und die Bereitschaft, Einfluss und Macht zu teilen.

Arbeitsgruppe 2

Wie gehen wir gegen Instrumentalisierung der Freiwilligenarbeit vor?

Die zweite Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit der Frage, wie einer Instrumentalisierung von Freiwilligenarbeit begegnet werden kann.

Dabei wurde deutlich: Freiwilligkeit ist die Grundlage von Engagement. Es darf niemals Ersatz für staatliche Daseinsvorsorge sein oder dazu dienen, strukturelle Probleme dauerhaft durch unbezahlte Arbeit auszugleichen.

Gleichzeitig wurde die Spannung zwischen Organisation und Instrumentalisierung sichtbar: Strukturen schaffen Verlässlichkeit und ermöglichen Wirkung, können aber auch Vereinnahmung begünstigen. Deshalb braucht es eine regelmäßige Reflexion von Motivationen, Hierarchien und Machtverhältnissen.

Diskutiert wurde außerdem die politische Dimension von Engagement: Eine Entpolitisierung kann problematisch sein, denn demokratisches Engagement bedeutet auch, gesellschaftliche Fragen sichtbar zu machen und Interessen zu vertreten. Gleichzeitig wurde festgehalten: Engagement entlang der Grundrechte und ohne Ausgrenzung ist demokratisches Engagement.

Als wichtige Punkte wurden festgehalten: Reziprozität ist legitim, solange sie freiwillig bleibt, und der Zugang zu Engagement muss insbesondere für marginalisierte Gruppen verbessert werden. Empfohlen wurde, Förderkriterien so zu gestalten, dass Instrumentalisierung erschwert wird, ohne Engagement zu entpolitisieren, sowie finanzielle und personelle Ressourcen langfristig abzusichern.

Arbeitsgruppe 3

Welche Lobby-Strategien verfolgen wir in unseren unterschiedlichen Engagementbereichen?

In der dritten Arbeitsgruppe stand die Frage im Mittelpunkt, wie zivilgesellschaftliche Akteure ihre Interessen wirksamer vertreten können.

Viele Organisationen betreiben bereits Lobbyarbeit – etwa durch Gespräche mit Abgeordneten, Positionspapiere, Kampagnen, Storytelling oder die Einbindung von Betroffenen. Gleichzeitig wurde deutlich: Es gibt weiterhin zu viel Konkurrenz zwischen Trägern und zu wenig gemeinsame Interessenvertretung.

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist deshalb die stärkere Zusammenarbeit in Bündnissen. Betroffene und Zielgruppen sollen stärker einbezogen werden, während auch Verwaltung stärker als Partnerin in gemeinsame Prozesse eingebunden werden kann.

Als Empfehlung wurde formuliert: Die Zivilgesellschaft sollte gemeinsame Positionen entwickeln, sichtbar für ihre Anliegen eintreten und auch dann im Dialog bleiben, wenn politische Forderungen zunächst auf Widerstand stoßen.

Arbeitsgruppe 4

Wie sind erfolgreiche demokratiefördernde Projekte skalierbar? Und an welchen Stellen sind sie überfordert oder überschätzt?

Die vierte Arbeitsgruppe widmete sich der Frage, wie erfolgreiche demokratiefördernde Projekte weiterentwickelt und übertragen werden können und wo ihre Grenzen liegen.

Als zentrale Merkmale demokratiefördernder Arbeit wurden Begegnung, politische Bildung, Teilhabe, Selbstwirksamkeit und Orientierung an demokratischen Grundwerten benannt. Besonders wichtig sei die Frage, wer Zugang zu diesen Angeboten hat und ob auch marginalisierte Gruppen tatsächlich erreicht werden.

Gleichzeitig wurde deutlich: Demokratiefördernde Projekte können gesellschaftliche Herausforderungen nicht allein lösen. Begrenzte Projektlaufzeiten, fehlende Ressourcen und geringe politische Entscheidungsmacht setzen klare Grenzen.

Die wichtigste Forderung lautete daher: Demokratieförderung braucht langfristige Finanzierung und nachhaltige Strukturen – nicht ausschließlich kurzfristige Projektförderung.

Was bleibt?

Die Diskussionen haben gezeigt: Engagement ist weder reine Ressource noch bloßer „Kitt“ einer Gesellschaft. Es ist ein Ausdruck demokratischer Selbstorganisation, ein Raum für Mitgestaltung und manchmal auch für Widerspruch.

Damit Engagement diese Rolle erfüllen kann, braucht es gute Bedingungen: eine Verwaltung, die ermöglicht, Politik, die Verantwortung übernimmt und eine Zivilgesellschaft, deren Eigenständigkeit und kritische Stimme geschützt werden.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Teilnehmenden für die offenen Diskussionen, die vielfältigen Perspektiven und die Bereitschaft, gemeinsam über neue Formen der Zusammenarbeit nachzudenken.

Das Forum Zusammenarbeit neu gestalten – das Demokratie-Narrativ ist aus der 3. Berliner Engagementkonferenz hervorgegangen. Neben diesem Themenforum beschäftigen wir uns im Jahr 2026 in zwei weiteren Foren mit zentralen Fragen des Engagements: Junges Engagement sowie Inklusion und Vielfalt.

Die Ergebnisse aller drei Foren werden auf der 4. Berliner Engagementkonferenz am 02./03. November 2026 zusammengeführt und weitergedacht.

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