Veröffentlicht am 14.09.2026
Im Berliner Stadtteil Moabit, nur wenige Minuten vom Tiergarten entfernt, hat der Landesverband Berlin des WEISSEN RINGs seine Büroräume. Hinter den Türen des Vereins geht es um eine Arbeit, die für viele Menschen erst sichtbar wird, wenn sie selbst Hilfe brauchen.
Der WEISSE RING unterstützt Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind – mit Beratung, Orientierung und konkreter Hilfe. Grundsätzlich kann sich jeder Betroffene an den Verein wenden. Dafür muss man natürlich erst einmal wissen, dass es diese Hilfe gibt und dass man sie in Anspruch nehmen kann. „Es wäre merkwürdig, wenn Menschen sich jeden Tag mit der Idee befassen, ich könnte jetzt Opfer einer Gewalttat werden und sich deswegen schon mal die Telefonnummer des WEISSEN RINGs notieren. Für uns ist wichtig, dass wir in den Hinterköpfen der Menschen sind“, sagt Rolf Schmachtenberg, Landesvorsitzender des WEISSEN RINGs.
Wie wichtig diese stille Präsenz ist, zeigt ein aktueller Anlass: Nach dem Anschlag beim Christopher Street Day (CSD) im Juli 2026 in Berlin ist der WEISSE RING darauf vorbereitet, Betroffene zu unterstützen. Dabei geht es nicht darum, Menschen in einer solchen Situation ungefragt zu bedrängen. „Wir haben jetzt keine Aktivitäten, dass wir irgendwie versuchen, auf die Opfer zuzugehen und denen zu sagen, ihr müsst jetzt unbedingt zu uns kommen“ betont Rolf Schmachtenberg.
Entscheidend sei vielmehr, dass die Information die Betroffenen erreicht – etwa über den Opferbeauftragten, die Polizei, andere Stellen oder Bekannte, die von ihm gehört haben. Besser noch, dass der WEISSE RING in einem Moment, in dem Menschen Opfer einer Straftat werden und plötzlich Unterstützung brauchen, gegenwärtig genug ist, um ihnen in den Sinn zu kommen.
Denn eine Straftat kann jeden Menschen treffen. Oft ist vorher nicht abzusehen, was danach kommt: Schock, Angst, finanzielle Sorgen, Fragen zum Strafverfahren oder die Unsicherheit, an wen man sich überhaupt wenden kann.
Eine Anzeige bei der Polizei ist keine Voraussetzung, um Unterstützung durch den WEISSEN RING zu bekommen. Gerade für Menschen, die sich zunächst anonym Rat und Unterstützung holen möchten, kann das entscheidend sein – etwa nach häuslicher Gewalt, die häufig in Verhältnissen der Abhängigkeit ausgeübt wird.
Doch wie gestaltet sich die Unterstützung durch den WEISSEN RING konkret? Häufig beginnt sie mit etwas, das zunächst selbstverständlich erscheint, für Betroffene aber von großer Bedeutung sein kann: Jemand nimmt sich Zeit und hört zu.
„Zuhören ist nach unseren Erfahrungen der wichtigste Teil unserer Arbeit“, erklärt Rolf Schmachtenberg. „Da ist dann einfach mal jemand, dem man alles erzählen kann, der nichts von einem will und vor dem man sich auch nicht rechtfertigen muss. Dabei sortiert sich oft bei einem selbst schon vieles.“
Die Ehrenamtlichen des WEISSEN RINGs sind dabei keine Ermittler. Sie beurteilen nicht, was geschehen ist. Und sie verlangen von Betroffenen nicht, ihre Geschichte zu beweisen. Im Mittelpunkt steht die Frage: Was braucht dieser Mensch jetzt?
Manchmal ist das zunächst nur ein Gespräch. Manchmal geht es um ganz konkrete Unterstützung im Alltag: um eine Soforthilfe, wenn nach einem Diebstahl plötzlich kein Geld und keine Bankkarten mehr da sind, um einen Beratungsscheck für eine juristische Erstberatung oder, im Einzelfall auch, um die Übernahme von Anwaltskosten. Auch nach einem Einbruch kann der WEISSE RING schnell und unbürokratisch helfen, etwa wenn eine bessere Schlossanlage nötig ist. Allerdings gibt es größere finanziellen Hilfen nur, wenn die Betroffen wirtschaftlich dazu selbst nicht in der Lage sind. Bei psychischer Belastung vermitteln die Ehrenamtlichen den Kontakt zu einer Traumaambulanz oder anderen Fachstellen. In besonderen Fällen gibt es zudem Ferienhilfen für Betroffene, die nach einem langen und belastenden Verfahren eine Auszeit brauchen, sie sich aber nicht leisten können. Die Ehrenamtlichen helfen dabei, Orientierung zu finden, die passende Unterstützung zu vermitteln und die nächsten Schritte zu organisieren.
Manche Anliegen lassen sich in einem Gespräch klären. Andere brauchen mehrere Termine. In einzelnen Fällen begleiten Ehrenamtliche Betroffene sogar über Jahre hinweg.
Grundlage dieser Arbeit ist Vertrauen. Die Betroffenen entscheiden selbst, was sie erzählen möchten und welche Unterstützung sie annehmen wollen. Das gilt auch im Umgang mit der Öffentlichkeit. Nach dem Anschlag auf den CSD gab es Medienanfragen, ob der WEISSE RING Kontakte zu Betroffenen vermitteln könne. Der Verein lehnte ab. „Die Opfer kommen zu uns im Vertrauen“, betont Rolf Schmachtenberg. Ob sie ihre Geschichte anschließend öffentlich machen möchten, sei allein ihre Entscheidung.
Getragen wird diese Arbeit von Menschen, die ihre Zeit und Erfahrung ehrenamtlich zur Verfügung stellen. Sie beraten Betroffene, helfen bei der Orientierung im Hilfesystem und begleiten auf Wunsch zu Gericht.
Bei der Gerichtsbegleitung geht es vor allem darum, Betroffene auf eine Situation vorzubereiten, die schnell überfordernd werden kann. Vor dem Termin erklären die Ehrenamtlichen die Abläufe, die Rollen der Beteiligten und was die Betroffenen vor Gericht erwartet. Auf Wunsch begleiten sie sie anschließend auch zum Termin und geben ihnen dort Sicherheit durch ihre Anwesenheit.
Ein weiterer Bereich ist die Präventionsarbeit. Ehrenamtliche informieren beispielsweise über Formen von Internet- und Cyberkriminalität, erklären typische Betrugsmaschen und schärfen das Bewusstsein für mögliche Gefahren.
„Das ist kein Ehrenamt, bei dem man einfach nur spontan hilft.“ Rolf Schmachtenberg spricht von einem „qualifizierten Ehrenamt“ – und genau das mache die Aufgabe zugleich anspruchsvoll und interessant.
Wer sich beim WEISSEN RING engagiert, wird gut auf die Aufgabe vorbereitet. Dazu gehören Grund- und Aufbauseminare, Hospitationen sowie laufende Qualifizierungen. Zudem treffen sich die Engagierten regelmäßig in Teamsitzungen, tauschen Erfahrungen aus und können gemeinsam besprechen, wie mit schwierigen Situationen umzugehen ist.
Das ist wichtig, denn die Begegnungen mit Betroffenen können nahegehen. Ehrenamtliche brauchen deshalb nicht nur Empathie, sondern auch die Fähigkeit, zuzuhören, ohne die Probleme des anderen zu den eigenen zu machen. Sie müssen geduldig sein, verlässlich und bereit, sich immer wieder in neue Situationen einzuarbeiten.
Wer das mitbringt, bekommt dafür etwas zurück, das sich schwer in Zahlen messen lässt: das Gefühl, tatsächlich etwas bewirken zu können.
Um sich beim WEISSEN RING zu engagieren, muss man kein fertiger Profi sein. Man muss nicht schon alles über Opferhilfe, Strafrecht oder Psychologie wissen. Dafür gibt es die Ausbildung und die Unterstützung im Verein.
Wichtiger sind andere Dinge: die Bereitschaft, einem fremden Menschen aufmerksam zuzuhören. Respekt vor unterschiedlichen Lebensgeschichten. Und der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun.
Denn wenn ein Mensch Opfer einer Straftat wird, ist vieles plötzlich anders als vorher. Dann kann es einen entscheidenden Unterschied machen, wenn jemand da ist, der zuhört, Orientierung gibt und sagt: Du musst da nicht allein durch.
Für ein Engagement beim WEISSEN RING solltest du ungefähr 6 bis 8 Stunden im Monat einplanen. Alles Weitere – von der Vorbereitung bis zu deinem ersten Einsatz – wird gemeinsam mit dir aufgebaut.
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