Veröffentlicht am 09.09.2026
Ehrenamt kann Türen öffnen: zu neuen Kontakten, mehr Selbstvertrauen, gesellschaftlicher Teilhabe und neuen beruflichen Perspektiven. Doch was passiert, wenn Menschen während ihres Engagements Rassismus, Othering* oder fehlende Anerkennung erleben?
Mit dieser Frage beschäftigte sich der Fachkreis Zivilgesellschaftsforschung am 27. August 2026. Rund 60 Teilnehmende diskutierten gemeinsam mit Anna-Maria Meuth vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM e. V.) Ergebnisse des Forschungsprojekts „Diskriminierung und Engagement“.
Engagement ist ein wichtiger sozialer Raum: Hier entstehen Begegnungen, Kompetenzen werden entwickelt, Demokratie wird erlebt und Teilhabe wird möglich. Gerade für neu zugewanderte Menschen kann freiwilliges Engagement einen wichtigen Schritt in die Gesellschaft bedeuten.
Die Forschung zeigt allerdings: Die Zugänge zum Engagement sind nicht für alle gleich. Menschen mit niedrigem Einkommen, niedrigerem Bildungsniveau, ohne deutschen Pass oder ohne Erwerbsarbeit engagieren sich insgesamt seltener. Bei Menschen mit Migrationsgeschichte spielen dabei unter anderem fehlende Ansprache und fehlende Netzwerke eine Rolle.
Werden auch informelle Formen berücksichtigt, zeigt sich jedoch, dass sich Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte insgesamt ähnlich häufig engagieren. Menschen mit Migrationsgeschichte engagieren sich also nicht weniger – teilweise aber anders und unter anderen Bedingungen.
Gleichzeitig zeigt die Forschung: Engagementräume sind nicht automatisch diskriminierungsfrei. Menschen mit Migrationsgeschichte berichteten in der Befragung etwa viermal häufiger von Diskriminierungserfahrungen in ihrem Engagement als Menschen ohne Migrationsgeschichte. Zwar ist Diskriminierung im Engagement insgesamt weniger verbreitet als etwa am Arbeitsplatz oder im Kontakt mit Behörden. Für die Betroffenen können die Erfahrungen dennoch prägend sein.
Wie sich solche Erfahrungen konkret anfühlen, zeigen Interviews mit Engagierten in Berlin und Brandenburg. Sie berichten von rassistischen Äußerungen und Zuschreibungen aufgrund ihrer Herkunft, aber auch von subtileren Formen des Othering: Ungeduld, wenn jemand noch nicht fließend Deutsch spricht, Unfreundlichkeit oder das Gefühl, bei Gesprächen außen vor zu sein.
Die Interviews erzählen aber nicht nur von Ausgrenzung. Sie zeigen ebenso, wie viel Engagement bewegen kann. Freiwillig Engagierte berichten davon, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Für manche entstehen daraus neue berufliche Perspektiven – etwa der Mut, eine Ausbildung zu beginnen. Andere möchten weitergeben, was sie selbst erfahren haben: Weil sie Unterstützung erhalten haben, wollen sie nun ihrerseits anderen helfen.
Ein wichtiger Punkt sind dabei vertraute Ansprechpersonen für die Engagierten. Sie können dazu beitragen, dass Menschen auch bei Schwierigkeiten im Engagement bleiben.
Die Ergebnisse wurden auch vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen für die Zivilgesellschaft diskutiert. Rechte Werte und Ideologien engen Engagementräume zunehmend ein. Gleichzeitig belasten Ressourcen- und Finanzierungsdruck sowie multiple Krisen die Arbeit vieler Organisationen. Dies kann Menschen mobilisieren und zu Protest führen – bei besonders vulnerablen Gruppen aber auch Rückzug und Verunsicherung verstärken.
Umso wichtiger ist die Frage: Wie können wir eine Zivilgesellschaft stärken, in der sich wirklich alle anerkannt und willkommen fühlen?
In der Diskussion wurde deutlich: An Motivation und Kompetenzen mangelt es häufig nicht. Entscheidend sind vielmehr die Strukturen und Zugänge. Organisationen sollten deshalb reflektieren: Wie offen und zugänglich sind die eigenen Strukturen? Wie wird auf Diskriminierung reagiert? Gibt es Schutzkonzepte, verlässliche Ansprechpersonen und sichere Räume? Dabei lohnt sich ein Perspektivwechsel: Nicht „Was fehlt dir?“ sollte die Ausgangsfrage sein, sondern „Was interessiert dich? Was möchtest du machen? Was möchtest du lernen?“
Die DeZIM-Studie wird voraussichtlich Ende 2026 veröffentlicht.
*Othering: Menschen werden als „die Anderen“ markiert und dadurch von einer vermeintlichen „Wir-Gruppe“ abgegrenzt. Dabei werden ihnen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben – etwa aufgrund ihrer Herkunft, Sprache, Religion oder ihres Aussehens – und Unterschiede betont oder erst hergestellt.
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