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Leben und Sterben in Würde: Alles nur schöner Schein?

Veröffentlicht am 22.10.2026

Plakat der 21. Fachtagung Palliative Geriatrie, Foto: Eveline Harder

Am 2. Oktober 2026 fand die 21. Fachtagung Palliative Geriatrie statt. Unter dem Leitgedanken, wie Leben und Sterben in Würde gelingen können, diskutierten zahlreiche Expert:innen, wie palliativgeriatrische Sorgeangebote verlässlich gestaltet werden können. Eveline Harder aus unserem ehrenamtlichen Redaktionsteam hat die Tagung besucht und ihre Eindrücke in einem Bericht festgehalten.

von Eveline Harder, ehrenamtliche Redakteurin des Landesnetzwerks Bürgerengagement Berlin e.V.

Menschen, die ein Sorgeangebot für pflegebedürftige oder von einer Demenz betroffene Nahestehende suchen, sind häufig verzweifelt. Sie wünschen sich eine gute und passende Versorgung durch einen ambulanten Pflegedienst, in einer Demenz-WG oder im Pflegeheim. Doch ihre Hoffnungen scheitern schnell an einer unüberschaubaren und kostspieligen Versorgungslandschaft. Sie sehen sich konfrontiert mit Anbietern, die sich vielfach als fachlich kompetent oder zertifiziert ausgeben. Oder die durch ein schickes Ambiente überblenden, was an altershospizlicher Haltung fehlt.

Die Fachtagung Palliative Geriatrie fand im Haus der Konrad-Adenauer-Stiftung statt. Außergewöhnlich war dieses Mal die Demonstration vor dem Haus von der Gewerkschaft Verdi in Sachen „Tarifvertrag“. Zunächst begrüßte der neue Hausherr der Adenauer-Stiftung Sebastian Weise, Diplom-Politologe, Landesbeauftragter für Berlin und Leiter des Politischen Bildungsforums der Adenauer-Stiftung, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen, ihm schloss sich Dirk Müller, der Veranstalter und Vorsitzender der Fachgesellschaft Palliative Geriatrie an, der als Moderator durch die Tagung führte.

Zunächst wurde Professorin Dr. Marina Kojer, Wien, per Video zugeschaltet. Ihr Wunsch war, sich in der letzten Lebensphase das Leben ruhig zu gestalten und mit offenem Herzen von den Betreuern begleitet zu werden. Dann sprach der Vorstand Stiftung Unionhilfswerk Berlin Michael Dietmann. Seine These war: Das Leben zu organisieren und nicht das Sterben zu verwalten. Die Grußworte von Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sowie von Katrin Schaffer, Pflegebeauftragte der Bundesregierung, sind auf der Tagungswebsite zu finden.

Professor Dr. Giovanni Maio, Universität Freiburg, „Umsorgt sein – bis zuletzt. Die Kunst des Sorgens in einer sich verändernden Zeit“. Der Eröffnungsvortrag von Professor Maio, der zu den führenden Stimmen der Medizinethik im deutschsprachigen Raum zählt, setzt sich in seinen zahlreichen Publikationen und öffentlichen Auftritten für eine werteorientierte Medizin ein. In seiner Rede begann Professor Maio damit, dass der autonome Mensch heute alles selbst erledigt. Der Mensch ist von Grund auf und in allen Phasen des Lebens ein angewiesenes Wesen. Die Gemeinschaft steht am Anfang jeglicher Existenz. Kein Mensch möchte versorgt, sondern umsorgt werden. Sorge hat ungleichgültig zu sein. Sorge startet beim Anderen: „Lass mich nicht allein, mich überlassen.“ Die Perspektive des Anderen sehen, nicht bevormunden. Sorge ist Beziehungsarbeit. Wie können wir Sorge verwirklichen? Indem wir den Anderen nicht abschreiben, sondern ihn umsorgen. Sorge und Geduld gehören zur Pflege. Professor Maio hat in berührender Weise aufgezeigt, wie im Idealfall Menschen in der letzten Lebensphase umhegt und umsorgt werden sollten.

Juliane Vogel, Gerontologin, Gießen, „Palliative Geriatrie als kommunale Sorgekultur praxisnah. Tragfähige Netze gestalten, damit niemand allein bleibt.“ Erfahrungsgemäß sterben in den ersten vier bis sechs Wochen die Neuzugänge auf der Palliativ-Station. In Gießen wurde ein Projekt mit Schülern der 9. Klasse gestartet „Gemeinsam für ein würdevolles und selbstbestimmtes Lebensende.“ Hier wurden von den Schülern die Hände der Menchen in der Palliativen Abteilung fotografiert und in einer Ausstellung gezeigt. Einige Teilnehmer:innen haben dieses Bild für ihre Beerdigung vorgemerkt. Frau Vogt bildete einige Fotos für diese Veranstaltung ab. Das war sehr eindrucksvoll.

In der Talkrunde zum Tagesmotto „Leben und Sterben in Würde: Alles nur schöner Schein?“ gab Andra von der Heydt, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft Berlin, zu, dass die hier vorgetragenen Ideen und Konzeptionen schön sind, aber die Wirklichkeit anders aussieht.

Dr. Eva Wirsing, Fachärztin für Anästhesiologie, Ethikbeauftragte, CODA Berlin GmbH, „Gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase. Was es braucht, damit GVP/ACP für Bewohner, Nahestehende und Mitarbeitende wirkt.“ Dr. Wirsing erläuterte anhand eines konkreten, bundesweit in der Presse aufgegriffenen Falls den Ablauf eines Notfalls, der das Versagen innerhalb eines Pflegeheims verdeutlichte. Dr. Wirsing wurde als Notfallmedizinerin hinzugezogen. SAPV = Spezielle ambulante Palliativ-Versorgung. Der Notfallbogen wurde erklärt und was ein Brückensymbol an der Patiententür bedeutet. Nachstehend aufgeführte fünf Punkte sind für eine gute Zusammenarbeit wichtig: Kommunikation, Wissen, Vertrauen, Ärztliche Verantwortung, klare Zuständigkeiten. Sie empfahl dem Heim, einen Notfallplan zu entwickeln und einen Schutz zu bilden in Sachen Über- und Unterversorgung. Eine hochinteressante Schilderung aus der Praxis.

Donald Ilte, Krankenpfleger, Sozialarbeiter, Leiter der Abteilung Pflege in der Senatsverwaltung Wissenschaft, Gesundheit, Pflege, Berlin. „Gute Pflege bis zuletzt. Die Sorge der Landesverwaltung um die Güte der Pflege im Land Berlin.“ Was kann die Fachwelt vom Staat erwarten? Kann Verwaltung Pflege verbessern? Man kann sehr viel unternehmen, aber der Staat kann nicht alles machen. Dass man auf ein würdevolles Leben bedacht ist, ist eine Staatsaufgabe. Aus der Sicht der Langzeitpflege gibt es keine Evidenz. Der Staat ist nicht end-verantwortlich. Die Landesverwaltung hat verschiedene Instrumente. Die Verwaltungsarbeit soll wirkungsorientiert sein. Evidenz steckt dahinter, aber so weit ist sie noch nicht. Einige Wirkungsziele brachte er zur Sprache und setzte sich dafür ein, dass der runde Tisch „Hospiz“ weitergeführt werden soll. Einige Zahlen zur Zuwendung gab er bekannt. Im Schnellverfahren führte Donald Ilte seine Inhalte aus.

Wie immer wurden die verschiedenen Pausen für intensive Gespräche genutzt. Bei dem voll ausgebuchten Kongress sowie den Zuschauern per Video ist die Tagung immer wieder ein großer Gewinn. Dank an Dirk Müller mit seinem Team!

Für die musikalische Unterhaltung sorgten die Pfisterin, Gesang, und Klaus Schäfer am Piano. Musik von Holländer und Texte von Kästner und Tucholsky erfreuten das Publikum. Eine schöne Begleitung durch den Kongress.

Die nächste Tagung Palliative Geriatrie findet am 24. September 2027 statt.

Dieser Beitrag wurde von Eveline Harder aus unserer AG Redaktionsteam verfasst – herzlichen Dank dafür!

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